Das ist ein Titel, nicht wahr? Passt zu Theophrastus (1493-1541), der hätte es auch nicht kürzer gemacht. Dafür wird die Glosse kurz. Ich übersetze erst mal den Titel, der jedem Renaissancemenschen das Herz höher schlagen lassen sollte:
"Eine kurze Anekdote über den hochberühmten Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus, den Erfinder des Rühreis, samt der Zurschaustellung der pathologischen Anatomie des Fingerendgelenkes des dritten Fingers der Hand des Autors, darüber hinaus ein Kommentar zu einem bestimmten lächerlichen Wort ebenjenes Theophrastus."
Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493-1541), porträtiert von dem flämischen Maler Quentin Massys (1466-1530)
Aber nicht nur Paracelsus produzierte, wie wir im letzten Absatz sehen werden, Unfug, auch die Natur tut es. Jüngst entdeckte ich gleich über dem Endgelenk meines Mittelfingers der linken Hand ein Knöllchen, das ich erstmal für ein Überbein hielt.
Dorsalansicht des distalen Gliedes des dritten Fingers der linken Hand des Autors, samt deutlich erkennbarer Schwellung unter dem Nagel und verheilendem Stichkanal
Das ist doch mal herzerfrischend, das ist Anatomie in praxis! Das ganze Jahr stehe ich vor den Medizinstudenten, erzähl' was von allgemeiner Gelenklehre, von den Articulationes synoviales sive diarthroticae, den echten Gelenken also, die sich gerade dadurch vor den falschen Gelenken, den Synarthrosen, auszeichnen, dass sie jene Synovia und eine Membrana synovialis, die sie produziert, enthalten (blablabla usw. usf.) – und jetzt krieg' ich das erstmals lebensfrisch zu Gesicht (siehe Fußnote 1).
"Schick!", sagte meine Holde, die sich vor körperlichen Ausscheidungen keineswegs ekelt, sondern wie alle (?) Frauen ein Faible fürs Pickelausdrücken hat. "Schick! Warum heißt das Zeug eigentlich Synovia? Sieht doch aus wie UHU "
Tja – warum heißt es "Synovia"?
Jetzt sind wir wieder bei Paracelsus, der hat's verbrochen. In einem Buch, dessen Titel ebenso herrlich verdreht ist wie der dieser Glosse – ich erspar's Ihnen nicht:
"Dreyzehen Bücher, Des hoch gelehrten unnd weit berümpten Herren, D. Theophrasti Paracelsi, Eremite, Paragraphorum, & c.: Inn welchen gemeld wirt, volkomne und wahrhaffte Cur, vieler und schwerer Kranckheyten, So biß anher von anderen Ärtzten, für unheilsam geacht worden.- Jetzt zum ersten Mal mit allem fleiss in truck geben und außgehen lassen. Zu Basel, bey Peter Perna, MDLXXXI"
Wenn Sie Spaß an ganz unglaublichem lateinisch-deutschem Kauderwelsch haben, dann gucken Sie da mal rein. Man findet das gescannte Original bei "Google Books". Im ersten Kapitel des sechsten Buchs (das Ding hat keine Seitenzahlen) fängt er an, von der "synophea" zu fabulieren, die er für eine Art von Universalschmiere, Generalkleister (Fußnote 2) und Ernährungssaft hält, die in allen Organen vorkommen soll.
Manchmal schreibt er "synophea", andernorts "synophia" oder "synovia", es geht beim ihm zu wie nach der Rechtschreibreform. Dabei war's ja lang vorher. Aber egal, wie er's schrieb: Das Wort gibt es einfach nicht. Er hat es frech erfunden, und es bedeutet: nichts. Fast nichts. "Syn-" ist ein griechisches Präfix und meint "zusammen". Aber "-ophea" gibt es nicht. Aus Gründen, die keiner kennt, hat sich der Begriff aber für die Gelenkschmiere (und nur für sie) gehalten, in der Schreibweise "Synovia" ist er in allerlei Zusammensetzungen (s. o.) fest in der anatomischen Fachsprache verankert.
Wenn man sarkastisch sein wollte – und ich will sarkastisch sein –, könnte man die "Synovia" von "ovum" – das ist lateinisch und heißt "das Ei" – ableiten. "Synovia" wäre dann die "Zusammen-Eierung". Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim: der Erfinder des Rühreis! Des Gelenk-Rühreis! Wer hätte das gedacht
Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Fußnoten:
(1) Dermatologische Diagnose: dorsale mukoide Zyste, vermutlich nicht mit der Gelenkhöhle kommunizierend. Oder in anderen Worten: ein ektopischer Schleimbeutel. Benign. Therapie: erst mal aktives Zuwarten. Sehr gut.
(2) Paracelsus verwendet synonym mit "synophea" das Wort "gutta". "Gutta percha" ist – seit alters – ein kautschukartiger Klebstoff, der aus dem Milchsaft tropischer Bäume gewonnen wird.








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1. Zusammen-eiern statt raufen ;-)
20.10.2010, Isabel G., Bremenwie immer ein sehr gelungener und unterhaltsamer Artikel. Ich bin ja auch für den Forschergeist und habe insbesondere als Kind alles auseinandergenommen oder zusammengerührt und untersucht, was es so gab. Ich hatte sogar ein Mikroskop, unter dem ich mir alles angesehen habe. Sehr interessant, die Welt der "Kleinen".
Aber das Reinstechen in unbekannte Dinge - auch wenn es der eigene Körper ist ... oder vielmehr gerade wenn es der ist - ist nicht immer ratsam. (Verwunderlich, dass dies dem Menschen so zu eigen scheint ... überall drin herumstochern und so.)
Ich hoffe, es geht Ihrem Finger besser!
Mit freundlichen Grüßen aus dem schönen Bremen
Isabel G.
Diplom-Kauffrau
PS: Ich, übrigens, mag kein Pickeausquetschen - trotz Frausein ... wahrscheinlich einer Mutation oder so was zur Folge.